Die Baiersbronner Aktion von 1678


Bei dem historischen Ereignis war der 1653 geborene Heinrich Ehmann, ein Vorfahre meiner Frau, beteiligt.

Die von Georg Haag aus Baiersbronn verfasste Geschichte wurde in einer Beilage zum Evangelischen Kirchengemeindeblatt für die Kirchengemeinden Baiersbronn und Mitteltal und die Teilgemeinden Kniebis und Schönmünzach erstmals veröffentlicht.


Die Baiersbronner Aktion von 1678

Das Jahr 1678 war für die Baiersbronner ein ganz besonderes Jahr. 200 bis 300 Bauern kämpften gegen 200 bis 300 Dragoner der kaiserlichen Armee. Und die Bauern wurden Sieger. Unter den Siegern waren viele geflüchtete Bauern aus dem Kappler Tal und dem "Allerheiligen Tal", aus Saßbachwalden und Offenburg und aus den Dörfern zwischen Offenburg und Baden. Diese Bauern kampierten in den Baiersbronner Wäldern, wo sie Schutz gesucht hatten vor der anrückenden kaiserlichen Armee.

Am 21. Juli war das Scharmützel, und am 30. Juli berichtete der Regiments-Kommandeur Obrist von Hallweil dem Herzog Friedrich Carl von Wirtemberg, die Baiersbronner Bauern hätten seinen Rittmeister Slutzky, dessen Reitknecht und weitere zwanzig Reiter "erbärmlich umgebrungen", dazu mehr als 12 Reiter "zuschanden geschossen"; er bitte, daß darüber scharf gerichtet und ihm berichtet werde, "ob er seine Satisfaktion selbst suchen solle". Auch die Baiersbronner hatten Verluste; zwei wurden morgens bei einem Gefälle auf dem Lichtengeren, einem Waldteil zwischen Steinmäuerle und der Schwedenschanze, und drei nachmittags bei dem Gefecht am Zusammenfluß von Rot- und Rechtmurg, also bei der Parzelle Kreuz "zuschandengeschossen"

Der 21. Juli 1678 hat die Baiersbronner vor die Entscheidung gestellt, der Zerstörung von Hab und Gut zuzusehen oder bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen. Und sie haben widerstanden: Die Gaiser und die Rothfuß, die Ehemann und die Finkbohner, die Schmelzlin und die Möhrlin, die Burkhard und die Ziefle, die Glaser und die Günther, die Rapp und die Haist. Einer kriegsstarken Schwadron haben sie die Stirne geboten, sie mit blutigen Verlusten abgeschlagen, so furchtbar geschlagen, daß es die Schwadron vorzog, nicht noch einmal zu kommen.

Der Held dieser Aktion, so nennen die Prozeßakten das Ereignis, ist der damalige Schultheiß Hans Conrad Ziefle. Geboren wurde er am 6. Juni 1637 im "Donnbach" und war somit zur Zeit der Aktion 41 Jahre alt. In keiner Urkunde steht etwas, daß er jemals irgendwo Landsknecht gewesen wäre. Er verstand jedoch das Kriegshandwerk so gut, daß sich die Vermutung aufdrängt, er habe das bei der Soldateska gelernt.

Die politische Lage an der deutschen Westgrenze anno 1678

Fragt man, was eine Schwadron kaiserlicher Dragoner unter der Führung des tschechischen Rittmeisters Wilhelm Wenzel Slutzky aus Chlum bei Königsgrätz in Böhmen damals im Baiersbronner Tal zu suchen hatte, so muß man das aus der politischen Gesamtlage des deutschen Reiches im Jahre 1678 erklären. Schon seit 1672 währte der sogenannte Holländische Krieg. Der Franzosenkönig Ludwig XIV. hatte aus Beutegier Holland angegriffen und besetzt. Um ihn nun daran zu hindern, auch bei uns in Deutschland einzufallen, schickte der deutsche Kaiser Leopold I., der in Wien residierte, etliche kaiserliche Regimenter an die Westgrenze des Reiches. In Oppenau hatte die kaiserliche Wehrmacht ihr Hauptquartier. Das Oberkommando hatte der Herzog von Lothringen, dem Ludwig XIV. sein angestammtes Land zu nehmen drohte, um es Frankreich einzuverleiben. In Oppenau lagen die Stäbe des Hallweil'schen und des Haiter'schen Regiments, des Copptischen und des Caprarischen Regiments, des Hansfelder, des Fränkischen und des Bournoville'schen Regiments. Die Landsknechte wurden in der Umgebung untergebracht. In Baiersbronn lag im Winter von 1672 bis 1678 eine Schwadron des Hallweil'schen Regiments.

Schon beim Einrücken der kaiserlichen Söldner in ihre Quartiere verließen viele Bauern des Rheintals Haus und Hof, flohen mit ihrer beweglichen Habe in den Schwarzwald und kampierten monatelang in den Wäldern.

Das Vorspiel im Frühjahr 1678

Im Frühjahr 1678 kam wiederholt ein Trupp Reiter nach Baiersbronn, um für die Rosse der Oppenauer Garnison Heu zu holen. Das waren lauter solche Soldaten, die den Winter über in Baiersbronn einquartiert waren. Die Bauern aber brauchten ihr Heu selbst für ihr Vieh. Deshalb nahmen etliche Bauern den Reitern die Rosse weg, fünf waren es, so daß die Reiter das geplünderte Heu nicht fortschaffen konnten. Daraufhin ließ Rittmeister Slutzky zwei Baiersbronner Bauern fangen und als Geiseln nach Oppenau bringen. Als dann die Baiersbronner dem Brauch gemäß die fünf Rosse zurückgaben, um die zwei Geiseln zu lösen, wurden sie betrogen: die Bauern wurden nicht freigegeben. Slutzky sann auf Rache, und Schultheiß Hans Conrad Ziefle auf Abwehr. Er errichtete ein Gefälle auf dem Weg nach Freudenstadt und drei auf dem Lichtengeren. (Ein Geren ist eine spitzzulaufende Fläche, und mit Gefälle bezeichnet man eine Straßensperre.) Jedes Gefälle wurde mit 8 - 10 Wachleuten (Wachten) besetzt. Diese Wachten hatten den Befehl, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, und "wenn sie sich zu schwach befinden sollten, Losungsschüsse zu tun, um damit die im Tal sich aufhaltende Bauernschaft zu alarmieren".

Der Hilferuf vom Kloster Allerheiligen

Am Samstag, den 20. Juli, erschien in weißer Kutte ein berittener Prämonstratensermönch und überbrachte dem Schultheißen Johann Conrad Ziefle, der im Loch wohnte, einen Brief des Subpriors vom Kloster Allerheiligen, in dem stand, „daß die kaiserliche Armee bis auf die höchsten Berge alles ausgeplündert habe und immer wieder in das Kloster einfallen wolle, daß der Schultheiß von Baiersbronn einige Mannschaft zu Hilfe schicken möge, damit wenigstens das Vieh auf den Grinden erhalten werden könne und daß zu dieser Guttat die ganze Nachbarschaft verpflichtet sei nach altem Herkommen". Welche Antwort der Klosterbote von dem Schultheißen bekam, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, und zwar wurde das in dem auf den 21. Juli folgenden Prozeß festgestellt, daß an jenem Samstag die Schwadron Slutzky "im Kappler Tal übel gehauset, viele Höfe in Asche gelegt, etlich hundert Stück Vieh hinweggetrieben, alles in Grund verderbet, auch - der gemeinen Sage nach - in einem Haus vier Kinder verbrannt" hat. Und auch das ist bekannt, daß das Schwadron Slutzky die Nacht vom Samstag auf den Sonntag in der Melkerei des Klosters Allerheiligen verbrachte. Diese Melkerei stand am Fuß des heutigen Melkereikopfes und war ein Bauernhof, der von Mönchen umgetrieben wurde und die Lebensmittel für das Kloster zu erzeugen hatte.

Der Überfall auf dem Lichtengeren

Am Sonntagmorgen, es war am 21. Juli 1678, erstieg die Schwadron Slutzky den 1016 Meter hohen Melkereikopf. Die Dragoner benutzten keinen Weg oder Pfad; sie führten ihre Rosse querwaldein. Ziemlich weit oben ließen sie die Rosse stehen, aufgeteilt in zwei Haufen. Nur der Rittmeister ließ seine "lichte Braunstute" nicht zurück. Er trug einen "braunen ziegenen Rock", "schwarzseidene Schärpe", einen "Karabiner, eine Pistole und zwei Degen". In einem "roten atlassenen Säcklin" hatte er pflichtgemäß 100 Dukaten, mit denen er die Bedürfnisse der Schwadron begleichen sollte. Sein Reitknecht war bei ihm. Jeder Reiter war ausgerüstet mit "Karabiner und Pistole".

Beim ersten Gefälle auf dem Lichtengeren erschienen zuerst zwei Dragoner. Einer zieht einen Brief aus der Tasche und schreit: "Diesen Brief muß ich dem Kommandanten in bringen." "Hier führt kein Weg nach Freudenstadt", entgegnet der Baiersbronner Wachmann Hans Finkbeiner vom Tannenfels. Daraufhin hebt der andere Dragoner einen Stab hoch, und auf dieses Zeichen stürzen die übrigen 200 bis Dragoner aus ihren Verstecken auf das Gefälle zu. Der Wachmann Georg Rothfuß ruft: "Wes Volks seid ihr ? - Was ist Euer Begehr?" Aber da krachen auch schon die Schüsse und zwei Baiersbronner Wachleute liegen in ihrem Blut: Georg Rothfuß und Georg Glaser. Die anderen Wachleute ergreifen die Flucht und feuern Losungsschüsse ab, "habender Instruktion gemäß". Die Baiersbronner Wachleute bei den anderen zwei Gefällen hörten die Losungsschüsse und gaben diese "habender Instruktion gemäß" weiter an die vielen geflüchteten Rheintalbauern in den Wäldern; diese gaben sie weiter an die Obertäler, diese an die Mitteltäler und diese an die Fleckemer, die gerade in der Kirche saßen bei der Sonntags-Frühpredigt.

In der Au

Schultheiß Hans Conrad Ziefle ließ Sturm läuten. Die Kirchenleute eilten heim, und bald kamen 15 berittene Baiersbronner, ausgerüstet mit Rohr und Axt und meldeten sich beim Schultheißen. Immer noch wurde "Sturmstraich geläutet" und immer noch wurden Losungsschüsse abgefeuert. Sie galten den geflüchteten Rheintalbauern auf dem Höllkopf und dem Gruberkopf, auf dem Hirschkopf und dem Häslerkopf. Auch von diesen Bergen kamen die Rheintalbauern herab und schlossen sich dem Baiersbronner Haufen an, der sich, von dem Schultheißen angeführt, talaufwärts in Marsch setzte. Schon in der Aue kamen ihnen jammernde Obertäler entgegen: "Ein Widerpart hat keinen Wert; es sind der Soldaten gar so viele", jammerten sie. Aber der ließ keine Verzagtheit aufkommen, "frischte seine Leute an", befahl ihnen, "ihr Armüthlin (Hab und Gut) zu schützen", und drohte den Unentschlossenen "mit der Strafe eines Großen Frevels". In Mitteltal ließen sie ihre Rosse stehen. Nur der Schultheiß ritt auch weiterhin. Immer noch mehr Rheintalbauern kamen aus den Wäldern und schlossen sich an. Die Losungsschüsse waren gehört und die "Instruktion" des Schultheißen befolgt worden. Im oberen Tal angekommen, waren es 200 bis 300 Bauern.

Die Dragoner plündern die "Vier Höfe"

Inzwischen waren die Dragoner das Rechtmurgtal herabgekommen. Die fliehenden Baiersbronner Wachten zeigten ihnen ungewollt den Weg ins Baiersbronner Tal. "Ihr müßt noch alle sterben, ihr Hunde", riefen ihnen die Landsknechte nach. Immer wieder jagten die Verfolger den Fliehenden Schüsse nach. "Mit großer Furie, Furcht und Schrecken" liefen die Wachten um ihr Leben und sind "nur gar kümmerlich entronnen". Jakob Gaiser, einer von den Wachleuten, hat später vor Gericht ausgesagt, er habe aus Rache dafür, wie ihn die Dragoner gejagt hätten, in dem Scharmützel keinen leben lassen, es sei nicht anders gewest, "wenn ein Wolf eine Herd Schaf jagt", um ein Haar hätten sie ihn erwischt.

Die "Vier Höfe" beim Kreuz waren damals wahrscheinlich die ersten vier Gehöfte, wenn man das Rechtmurgtal vorbeikam. Jedenfalls haben Slutzkys Soldaten diese vier Höfe "totaliter ausgeplündert, die Dächer abgebrochen, die Wände hinausgeschlagen und die Sachen auf die Gasse geworfen". Simon Burkhards Haus haben sie angezündet. In diesem Haus hatten geflüchtete Rheintalbauern ihre herübergeretteten Habseligkeiten untergebracht. Ihnen ging alles verloren. Eine geflüchtete Wittib aus Kappel hat damals - so gab sie "mit viel Tränen und Wehklagen" an - Sachen im Wert von mehr als 100 Reichstalern verloren. "Den Plunder" trugen die Dragoner in den nahen Wald.

Der Kampf beim Tannenfels

Ein Teil der Dragoner zog in die Parzelle Tannenfels. Eben wollten sie anfangen zu plündern, da entdeckten sie den herbeikommenden Baiersbronner Haufen. Sofort eröffneten die Kaiserlichen das Feuer auf die "Canaille". So nannten sie die Bauern, die das Feuer unverzüglich erwiderten. Es wurde nun "scharmütziert", wohl eine Stunde lang. "Es wurde geschossen, daß die Äste und die Blätter von den Bäumen fielen", stellte nachher die Untersuchung fest. Trotz aller Schießerei war den Dragonern offenbar Wegschaffen ihres "Plunders" das Wichtigste. Ihre Habsucht und ihre brutale Freude am Kriegshandwerk bestimmten ihr Tun. Die Baiersbronner Bauern und die Rheintalbauern kämpften viel erbitterter. Seit Monaten hatten die Soldaten, die sich Armee nannten, den einen das Vieh weggetrieben, den anderen das Winterfutter geraubt und den dritten Haus und Hof eingeäschert. Nun entlud sich die angesammelte Wut, so daß die Dragoner teilweise zurückwichen, teilweise sogar flohen. Die Fliehenden hatten dabei ein großes und entscheidendes Mißgeschick. Sie gerieten ins Rotmurgtal. So wurde der kämpfende Haufe kleiner, und dieBauern hatten es leichter, ihre Gegner "niederzubüchsen". Die Fliehenden im Rotmurgtal wurden von den Rheintalbauern verfolgt. Diese hatten Angst, die Dragoner könnten durch die Wälder streifen und ihnen ihr Vieh rauben.

Der Nahkampf am Roten Rain

Die standhaften Dragoner zogen sich unter der Führung des Rittmeisters Slutzky kämpfend zurück bis zum Roten Rain. Dort sind die beiden Parteien „aufeinander losgebrennet". Und dort haben die Bauern den Slutzky gefunden. Michael Burkhard bekam ihn als erster vor das Rohr, feuerte, doch der Rittmeister blieb stehen. Hans Michael Günther sah das, sprang ihn an, versetzte ihm mit dem Rohr einen Stoß, so daß er auf den Boden fiel. Er wollte aufstehen. Michael Burkhard feuerte einen zweiten Schuß auf ihn ab. Slutzky stöhnte: "O, Jesus!" und brach zusammen. Da kam ein "gelehnter (geflüchteter) Bauernkerl aus Offenburg", der mit vier Rossen in einem Gehöft im Baiersbronner-Tal einen Unterschlupf gefunden hatte. Der erkannte sofort den Rittmeister Slutzky an seiner Offiziersschärpe, geriet in Wut, sprang ihn an und schlug mit dem Karabiner so lange auf ihn ein, bis der Karabiner "zerschmettert" war. Von den Halden her kamen etliche Rheintalbauern, hörten, daß man Slutzky erwischt habe und schrien: "Wir wollen ihn aufspießen, und wenn er so schwer wäre wie ein Amboß".

Indessen verbarg sich des Rittmeisters Reitknecht in der Nähe hinter einem Baum. Peter Rothfuß entdeckte ihn, sprang ihn an und schlug ihm von hinten mit dem dicken Teil der Axt auf den Kopf, so daß er niedersank. Ein Dragoner legte auf Heinrich Ehemannan, schoß aber fehl. Da schrie Heinrich Ehemann: "Wart, ich will deiner nicht fehlen !" schoß, und der Landsknecht lag in seinem Blut. Hans Burkhard hat "oben auf dem Berg an dem Roten Rain einen Soldaten gesehen und erschossen, welcher auf den Knall gleich gefallen". Hans Finkbeiner vom Tannenfels, Johannes Möhrlin und Ludwig Berger "rannten" den Roten Rain herunter; ein Soldat stellte sich ihnen entgegen und schoß auf sie; sie schossen zwei Schüsse auf ihn ab, und "der Soldat ist geblieben". Michael Morlock hat auf einen Soldaten mit einem roten Gesicht, der einen Bauernrock anhatte, geschossen. Sein Rohr hat aber versagt, und der Soldat ist entwischt. Etwas abseits stand Schultheiß Hans Conrad Ziefle neben seinem Roß, rief dem Georg Fahrner vom Rain, er solle herkommen, dort oben würden "zwei Kerle vor dem Ende liegen", er solle sie "ausziehn und totschießen", daß die "Donnersschelmen nicht mehr zur Armee zurück können". Georg Fahrner tat, wie ihm geheißen, und schoß den Slutzky nochmals tot.

Die Flucht der Kaiserlichen

Nun ergriff auch der letzte Rest der Soldaten die Flucht. Die Bauern eilten ihnen nach. Hans Burkhard erschoß auch im Rechtmurgtal nochmals einen Soldaten. Er wollte ihn ausziehen und aussuchen. Aber der Schultheiß drängelte und rief ihm zu:"Nachher, nachher! Machet, machet! Druff, druff!" Die kaiserlichen Reiter liefen um ihr Leben, genauso wie morgens die Baiersbronner, nur in umgekehrter Richtung. Zu ihren Rossen wollten die Dragoner. Aber die Baiersbronner verfolgten sie bis über die Markungsgrenze hinüber. "An den Pässen" haben die ortskundigen Baiersbronner den ortsfremden Soldaten "den Weg abgeloffen", und als schon welche auf ihren Rossen zurückkamen, diesselben "übel empfangen". An diesen Pässen müssen die Baiersbronner etliche Rosse erbeutet haben; denn später mußten sie "erbeutete Rosse" abgeben.

Am Sonntag-Abend

Als der Baiersbronner Haufe zurückgekehrt war, sandte Schultheiß Hans Conrad Ziefle sofort einen berittenen Boten nach Dornstetten, der das Ereignis zu melden hatte. Der damalige Amtsweg zur Vogtei begann am Rathaus, führte die Staig hinauf,am heutigen Friedensbaum vorbei, nach Gründel und durch das Birkleswäldle nach Dornstetten. Vogt Johann Bernhard Berblinger ritt sofort mit einer Begleitung nach Baiersbronn zu Schultheiß Johann Conrad Ziefle. Dieser meldete dem Vogt, bei dem Scharmützel könnten zwei oder drei Dragoner ihr Leben verloren haben; er befürchte deshalb eine Racheaktion des Regiments und bitte um eine Schutzgarde.

Am andern Tag

erschien diese Schutzgarde. Es war ein Obristlieutnant mit vier Reitern vom Bournoville'schen Regiment. Ein Racheakt erfolgte jedoch nicht. Die Baiersbronner gingen wieder ihrer Arbeit nach. Verschiedene Waldleute, die "Träger" genannt werden, fanden sterbende und tote Soldaten,die "zuschanden geschossen" waren.

An diesem Montag erhielten Hans Georg Seeger, Jakob Werner, Hans Jakob Mast und ein Rheintalbauer von dem Schultheißen Hans Conrad Ziefle den Auftrag, "etliche Wege zu verhauen". Auf dem Hinweg fanden sie einen "starken jungen Reiter", der ein Schuhknecht aus Göppingen gewesen sein soll. Der Reiter hatte verschiedene Schüsse, war "ausgezogen", saß im Wald etwas abseits vom Weg. Er bat die Männer um einen Wasser. Und sie holten ihm auch aus dem Bach "ein Häfelein Wasser". Aber der fremde Bauer schlug ihn dann mit der Axt nieder. Der Reiter lag wie tot da, und die Waldleute liefen weg und verrichteten ihre Arbeit. Auf dem Rückweg fanden sie den sterbenden Soldaten wieder. Der fremde Bauer schlug nochmals mit der Axt auf ihn ein. Dann bedeckten sie ihn mit "Gräten" (wohl Ästen) und altem Holz. Den Kopf ließen sie frei. In der Marter hat er nichts anderes gesagt "O!". Später haben ihn andere Bauern gefunden. Den Heinrich Ehemann hat der Soldat "gejammert und erbarmt". Er nahm die Gräten und die Steine weg und richtete ihn auf. Sein Reden verstand man nicht mehr. Aber er hat auf sein Herz gedeutet. Die Baiersbronner faßten das so auf, der "zuschan- den geschossene" Soldat wünsche, daß man ihn vollends erschieße. Sie schleiften ihn an den Bach hinunter und ersäuften ihn. Drei Tage lag er im Wasser; dann hat man ihn begraben, hart am Ufer des Baches. Am selben Tag fanden die Baiersbronner Hirten auf den Grinden, wo sie die Gutsherde weideten, zwei erschossene Reiter. - Und abermals, einige Tage später ent- deckte man im Oppenauer Wald einen erschossenen Cornet (Fähnrich) namens Augustin Stephenauer.

Der Karabiner Slutzkys wurde an den Pfarrer von Gröndel verkauft um drei Gulden; mit seinen gelben Schuhen prachtierte der Schuster von Reichenbach; sein Roß ritt der Roß- händler von Sankt Christophstal, Bachhänslin hieß er im Volksmund, angeblich in die Schweiz.

Berichte

Am 24. Juli 1678 berichtete der wirtembergische Kriegskommissar Gramlich seinem "gnädigsten Fürsten und Herrn", dem durchlauchtigsten Herzog von Wirtemberg:

"Die Bauern im Baiersbronner Tal haben den Rittmeister sechsmal angeschossen und dann mit umgekehrtem Rohr totgeschlagen. Die Schwadron mußte 23 tote Reiter zurücklassen. Die Bauern und Schnapphahnen aus den Bergern und Tälern wollen den Regimentern die Rosse und Standarten (Reiterfahnen) rauben. Die Compagnien haben nur noch 15 oder 20 oder 30 Rosse. Die Bauern, die in Oppenau als Gefangene sitzen, haben heftig gedroht, sie würden sich nicht bei den armen, gemeinen Knechten, wohl aber bei den Principales (Offizieren) rächen."

Am 30. Juli 1678 schrieb Regimentskommandeur von Hallwill an den Herzog von Wirtemberg: "Fähnrich Schertel und Gramlich werden schon berichtet haben, wie meine Reiter bloß Futter holen wollten, wie aber die Bauern den Reitern die Rosse weggenommen und zwei Reiter totgeschlagen haben, wie der Schultheiß von Baiersbronn den Rittmeister Slutzky mit zwanzig Reitern erbärmlich umgebracht und über zwölf Reiter zuschanden geschossen hat, daß es im eigenen Interesse von Durchlaucht liegt, die grausame Mordtat der Schelmen zu bestrafen, da doch Rittmeister Slutzky Durchlaucht noch 500 Gulden schuldet und diese 500 Gulden auf keine andere Weise bezahlt werden können. Die Schwadron kann nicht bezahlen."

Am 22. August 1678 berichtete von Geißberg die Feststellungen des Untervogts Zandt von Nagold und des Untervogts Peter Spring von Altensteig an den Herzog von Wirtemberg: "Am Lichtengeren haben die Reiter zwei Baiersbronner Bauern zuschanden geschossen und die anderen zerstreut. Die Vier Höfe haben sie ausgeplündert. Die Bauern haben Losungsschüsse abgefeuert. Der Schultheiß ließ seine Bauern durch Sturmstraich zusammenkommen und ritt mit ihnen ins obere Tal. Die Reiter eröffneten das Feuer. Viele fremde Bauern, die in den Wäldern hausten, halfen den Baiersbronnern. Für die Soldaten war es ein großes Wagnis, durch grausam hohe Berge, tiefe Täler und dicke Wälder ohne Weg und Steg vier Stunden weit vorzudringen und es haben die Soldaten wohl gewußt, daß die Wälder voller Bauern steckten und daher wohl bedenken sollen, daß sie zwar wohl hinein, aber schwerlich wieder herausgelassen würden. Das Werk bezeugt, daß die Soldaten nicht gekommen sind, um zu furagieren, sondern den Bauern ihr wenig Hab und Gut zu nehmen. Die Soldaten haben die Bauern gewalttätigerweise angegriffen, sind also die Aggressoren gewesen. Die Bauern waren genötigt, und Leben zu verteidigen und die äußerste Notwehr zu ergreifen."

Verhaftungen

Es stellte sich heraus, daß erheblich mehr Soldaten ums Leben gekommen waren als Schultheiß Ziefle dem Obristlieutnant der Schutzgarde angegeben hatte, und es wurden 19 Männer aus Baiersbronn ins gesetzt.

Ins Freudenstädter Gefängnis kamen: Jakob Ziefle, der Bruder des Schultheißen, Georg Fahrner vom Rain, Adam Schmelzlin, Jakob, des Gallus Geißerts Sohn, Hans Günther und Jakob, des Georg Geißerts Sohn.

Ins Dornstetter Gefängnis kamen: Georg Seeger, Hans Finkbeiner vom Tannenfels, Michael Fahrner, Jakob Ehemann.

Ins Nagolder Gefängnis kamen: Hans Conrad Ziefle, der Schultheiß, Hans Rapp, Heinrich Ehemann, Georg Fahrner auf dem Haberland, Hans Burkhardt.

Ins Freudenstädter Gefängnis kamen nachgehends noch: Jakob Haist, Ludwig Berger, Hans Finkbeiner und Johann Möhrlin. Diese letzteren wurden nach einiger Zeit wieder freigelassen, mußten aber 40 Gulden entrichten, wovon ihnen die Gemeinde 35 ersetzte.

Die Gefangenen wurden immer wieder vernommen und ihre Aussagen niedergeschrieben. Diese "Bekenntnisse" sind noch alle vorhanden. Ihre Aussagen brachten noch nicht die Klarkeit. Der Schultheiß hatte offenbar sofort nach dem Kampf die Weisung herausgegeben, nichts auszusagen, wenn die Sache untersucht werden sollte.

Die gerichtliche Untersuchung

Der Durchlauchtigste Fürst und Herr Friedrich Carl, Herzog zu Wirtemberg und Teck, Graf zu Mömpelgard und Herr zu Heidenheim, Administrator und Oberkommandierender, entschloß sich, damit das vergossene Menschenblut gerechtfertigt werden möchte, die im Juli 1678 an einigen kaiserlichen Offizieren des Hallweil'schen Regiments von etlichen Untertanen zu Baiersbronn verübte Tätlichkeit gerichtlich untersuchen und rechtfertigen zu lassen. Den Prozeß führte Präsident Stoll. In Freudenstadt wurde ein Gericht formiert.

Am 18. Februar 1679 erschienen in Reichenbach Oberrat Salomon Sympertus Textor aus Stuttgart und Untervogt Johann Martin Zandt aus Nagold, um einen "Durchgang" zu veranstalten. Dazu wurde anderntags "die ganze Gemeind zu Baiersbronn zitiert". Der Herzog hatte sein Einverständnis gegeben, nötigenfalls den "leiblichen Eid" zu verlangen.

Das Gericht wurde vergrößert durch ortsbekannte Männer von Stand: Vogt Johann Bernhard Berblinger von Dornstetten, Stadtschreiber Andreas Friedrich Lenz von Dornstetten, Kloster- schaffner Johann Wilhelm Speidel von Reichenbach, Pfarrer Johann Jakob Staiger von Baiersbronn, Schulmeister Hans Georg Bacher von Baiersbronn. Zuerst wurden diese Männer "examiniert". Auch der Bruder des erschossenen Rittmeisters Slutzky, der Cornet (Fähnrich) Georg Wradislaw Schlutzky von Chlum Königgrätz, der dem Hallweil'schen Regiment zugehörte, war gekommen, um auszusagen. Pfarrer Staiger, ein Ulmer, hat durch seine Aussagen den Unwillen der hervorgerufen; es wurde hernach zweimal dem Hinterhalt auf ihn geschossen ("durch die Haare"). Er bat deshalb den Herzog, ihn zu versetzen, was dann auch geschah.

Der "Durchgang" von Reichenbach hat eine Unsumme von Einzelheiten an den Tag gebracht, was für die gefangenen Baiersbronner Bedeutung hatte: Zwar konnte nicht geklärt werden, was mit Slutzkys 100 Dukaten geschehen war, wohl aber stellte sich heraus, daß er ohne Wissen und Befehl seiner Vorgesetzten die Einfälle im Kappler Tal und Baiersbronner Tal unternommen hatte. - Das Hallweil'sche Regiment war kein tschechisches Regiment, sondern ein zusammengewürfelter Söldnerhaufen vielerlei Völkerschaften.

Die Anklage

Auf Grund des Durchgangs und Vernehmungen der Gefangenen konnte sich nun das Gericht ein Bild von der Sache machen. Der fürstliche Anwalt klagte auf Latrocinium, also auf Straßenräuberei der Baiersbronner Bauern, auf Mord, begangen der Gewinnsucht wegen. Er bezog sich auf die Artikel 137 und 148 der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532. Damit forderte er für alle die Todesstrafe.

Der Artikel 137 hat die Überschrift: "Straff der mörder und todtschleger die keyn genugsam entschuldigung haben mögen." In dem Artikel 137 steht:

Der Artikel 148 hat die Überschrift: "Straff der jhenen, so eynander inn morden schlagen und rumoren fürsetzlich oder unfürsetzlich beistandt tun." In dem Artikel steht:

Das Urteil

Das Gericht stellte fest,

(Dieser letzte Satz hätte - konsequent angewandt - für sämtliche beteiligten Soldaten die Todesstrafe bedeutet).

Schuldspruch

In der peinlichen Sache des fürstlichen Anwalts gegen die Beklagten Hans Conrad Ziefle, Jakob Ziefle, Georg Fahrner vom Rain, Peter Rothfuß, Jakob Haist, Adam Schmelzlin, Jakob Ehemann, Heinrich Ehemann, Hans Burkhard, Hans Finkbeiner vom Dannenfels, Jakob Werner und Michael Fahrner, alle von Baiersbronn, wurde ordnungsgemäß Klage geführt, Antwort gegeben, Kundschaft geführt, alle gerichtlichen Für- und Einbring herangezogen, nach dem Rechtssatz gesehen, Bedacht genommen, Rat gehalten, Urteil gefällt und zu Recht erkannt:

Über die Untersuchungshaft hinaus werden die Einzelnen wie folgt bestraft:



Die Gerichtskosten sowie die Kosten für die erste und letzte Untersuchung bezahlen alle Beklagten zu gleichen Teilen. Johann Jakob Ziefle aber hat außer diesem Anteil sämtliche aufgewandten Unkosten für alle anderen Untersuchungen alleine zu tragen.

Urteilsbegründung

Es muß bedacht werden, "daß, nachdem dieses Baiersbronner Tal für einen von der Natur befestigten Ort gehalten wird und das Land gut zu verteidigen ist, fast zu besorgen ist, es könnten bei noch währenden oder künftigen Kriegsunruhen diese Leute den Mut verlieren und so die von der Natur erlaubte Verteidigung zum Schaden des Landes und der benachbarten Orte unterlassen."

Diese Urteilsbegründung war ohne Zweifel für den Herzog gemünzt, der dann auch das Urteil genehmigte.


Erläuterungen

Quelle:

Die Prozeßakten "Baiersbronner Aktion von 1678" im Staatsarchiv im Ludwigsburger Schloß. Wenn nicht anders vermerkt, stammen die angeführten Wörter, Satzteile und Sätze aus den Prozeßakten.

Textor

hieß jener Oberrat von der herzoglichen Kanzlei in Stuttgart, der die Untersuchung in Reichenbach leitete, mit seinem Familiennamen. Textor heißt zu deutsch "Weber". Etwa ab 1450 wurde es in Deutschland Sitte, daß Gelehrte ihren Namen in die lateinische oder auch in die griechische Sprache übertrugen. Philipp Melanchthon hieß von Geburt Philipp Schwarzerd. Das Wort Schwarzerd heißt in griechischer Sprache Melanchton.

Dragoner

Dragoner waren in jener Zeit Soldaten, die zu Fuß kämpften, aber Rosse hatten, damit sie rasch dorthin kommen konnten, wo man sie brauchte.

Zitieren:

Am 19. Februar 1679 wurde "die ganze Gemeinde" Baiersbronn nach Reichenbach befohlen. So etwas ist heute undenkbar. Damals waren die Wirtembeger "Untertanen" und mußten sich so etwas gefallen lassen.

"zuschanden geschossen"

wurden am 21. Juli 1678 fünf Baiersbronner. Der Barbier (Haar- und Bartschneider) von Freudenstadt hat sie ärztlich betreut; er verlangte dafür 40 Gulden. Am Weinpreis gemessen waren das 720 DM. Einen Arzt gab es weder in Baiersbronn noch in Freudenstadt. Tierärzte gab es auch nicht. Die Rosse kurierte der Schmied. Auch die Schmiede ließ sich dafür gut bezahlen. Die nächste Apotheke war in Straßburg; dorthin konnte man im Juli 1878 nicht kommen, weil sich in jener Gegend französische Regimenter herumtrieben. Notwendige Medikamente mußten aus der Hofapotheke Stuttgart geholt werden.